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Nachgefragt bei …

Barbara Schleihagen

 

Barbara Schleihagen ist Geschäftsführerin des Deutschen Bibliotheksverbands e. V. und stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Stiftung Lesen.

 

Der Deutsche Bibliotheksverband ist von Anfang an ein sehr engagierter Partner im Rahmen unseres Leseförderprogramms „Lesestart – Drei Meilensteine für das Lesen“.  Warum unterstützen Sie das Programm?

Das Programm „Lesestart - Drei Meilensteine für das Lesen“ ist eine in Deutschland einzigartige Initiative für die frühkindliche Leseförderung. Der Deutsche Bibliotheksverband als Vertreter der Bibliotheken unterstützt diese Initiative daher aus voller Überzeugung für das gemeinsame Ziel, Kinder sehr frühzeitig an das Lesen heranzuführen, um so ihre Chancen im weiteren Leben nachhaltig zu verbessern. Die Vermittlung von Lesekompetenz war schon immer eine Kernaufgabe von öffentlichen Bibliotheken. Mit den heutigen Erkenntnissen setzen Bibliotheken jedoch schon viel früher mit ihren kostenfreien Angeboten zur Sprach- und Leseförderung ein. Wir haben im Verband schon bei unseren englischen Kollegen mit dem Projekt „Bookstart“ erleben dürfen, wie erfolgreich und nachhaltig dieser Ansatz ist.


Welche Lesestart-Impulse sind Ihrer Meinung nach von besonderer Bedeutung für die Bibliotheken?


Lesestart hat viele Bibliotheken motiviert, ihre Angebote für die Zielgruppe der Kinder unter sechs Jahre überhaupt erst auf- und auszubauen. Mit den Kindern dann Reimgeschichten zu lesen oder Kinderlieder zu singen, war vorher nicht sehr weit verbreitet. Neben dem Lesestart-Set mit seinem Buchgeschenk und den wichtigen Empfehlungen für die Eltern zum Thema Vorlesen sind die von der Stiftung Lesen angebotenen Fortbildungen und Webinare zu allen Aspekten der frühkindlichen Leseförderung für Bibliotheksmitarbeitende sehr hilfreich und motivierend und wirken sich nachhaltig auf die Arbeit und das Angebot vor Ort aus.

 

Die aktuellsten Ergebnisse der wissenschaftlichen Begleitforschung zeigen deutlich, dass die Bibliotheken Lesestart nach wie vor fast ausschließlich positiv wahrnehmen. Inwiefern profitieren die Bibliotheken langfristig von der Teilnahme an Lesestart?


Lesestart ergänzt das bestehende Angebot der Bibliotheken auf wunderbare Weise und unterstützt die Bibliotheken dabei, insbesondere solche Kinder und Familien, für die das (Vor-)Lesen bisher nicht selbstverständlich zum Alltag gehörte, frühzeitig für Bücher und die weiteren Angebote der Bibliotheken zu begeistern.
Für Kinder und Jugendliche machen Bibliotheken besonders oft Angebote, die auf einen spielerischen Ansatz setzen, der die Lesefähigkeit fast nebenbei verbessert. Dies gelingt in den Bibliotheken über zahlreiche Veranstaltungen und Kooperationen mit lokalen Partnern. Neben den Anregungen, die die Bibliotheken aus den Lesestart-Seminaren und -Webinaren langfristig mitnehmen, sind es die im Rahmen von Lesestart ausgebauten und neu geknüpften Netzwerke und Partnerschaften, die bleiben werden. Genauso wie die große Motivation, die Zielgruppe der unter Sechsjährigen und hier insbesondere diejenigen Familien und Kinder zu erreichen, die sonst keinen oder wenig Kontakt zu Büchern haben. Bibliotheken haben im Rahmen von Lesestart ihre Angebotspalette deutlich erweitert und eine neue Zielgruppe in die schon bestehenden integriert. Bei allen Beteiligten ist deutlich geworden, wie wichtig es ist, schon sehr frühzeitig mit Leseförderung zu beginnen.


Wie können die Bibliotheken Ihrer Erfahrung nach gezielt Familien mit kleinen Kindern dazu ermuntern, ihre Angebote wahrzunehmen?


Bibliotheken müssen Wege finden, diese Familien aktiv anzusprechen und arbeiten dazu seit einigen Jahren verstärkt mit anderen Einrichtungen vor Ort zusammen. Insbesondere über die Kooperationen mit Kitas, Schulen, Migrantenselbstorganisationen, Sozialträgern, Wohlfahrtsverbänden und weiteren relevanten Institutionen und Akteuren können Bibliotheken gezielt solche Familien ansprechen, die nicht von selbst die Bibliothek besuchen würden. Dabei spielen die kostenlosen Angebote im kontinuierlichen Veranstaltungsprogramm und der ausgebaute Medienbestand ebenso eine wichtige Rolle wie Mitmach-Aktionen in und außerhalb der Bibliothek und die Beteiligung an kommunalen Familienprogrammen und -projekten.


Welche Möglichkeiten haben Bibliotheksmitarbeitende, um Eltern dabei zu unterstützen, das Vorlesen und Erzählen im Familienalltag fest zu verankern?


Bibliotheksmitarbeitende können vor allem durch persönliche Beratung und mit Hilfe von Leseempfehlungen aus dem Bibliotheksbestand den Wert frühkindlicher Leseförderung vermitteln und so helfen, mit konkreten einfachen Hinweisen das Vorlesen und Erzählen fest zu verankern. Wenn Eltern dann regelmäßig mit ihren Kindern die Bibliothek besuchen, und wenn die Kinder nach Herzenslust in den Regalen nach neuen Büchern stöbern können oder ein Bilderbuchkino erleben dürfen, lässt sich auch zu Hause leichter ein Vorleseritual verankern. Dabei muss gar nicht nur auf das gedruckte Buch zurückgegriffen werden. Viele Bibliotheken bieten E-Books zum Verleih an, denn manch einem Elternteil bietet das Handy oder Tablet einen leichteren Weg zum Vorlesen.
Hierfür hat Lesestart einerseits das notwendige Bewusstsein bei den Mitarbeitenden geschaffen als auch konkrete Materialien erstellt, die auch noch nach Programmende sehr lange weiter genutzt werden können. Natürlich spielen die bestehenden Angebote und Veranstaltungen der Bibliothek und die weitere Vermittlung des Medienbestandes, der für die Zielgruppe attraktiv ist, eine große Rolle. Zudem erhalten Kinder in allen Bibliotheken kostenlose Bibliotheksausweise, so dass dem weiteren Lesespaß nichts mehr im Wege steht.

 

Auf www.lesestart.de stellen wir für alle Bibliotheken viele kostenlose Angebote zur Verfügung, z. B. einen Best Practice-Bereich mit Ideen für die Praxis, Lesestart-Webinare zu verschiedenen Themen sowie zahlreiche Download-Materialien. Wie bewerten Sie diese kostenlosen Angebote?

 

Diese Angebote sind äußerst hilfreich für die Bibliotheksmitarbeitenden und haben auch nach Ende der Lesestart-Phase in den Bibliotheken eine große Bedeutung. Vor allem der Bereich der Praxisideen wird von Bibliotheken immer wieder gerne als Anregung genutzt. In Bibliotheken haben wir die schöne Tradition, dass wir nicht nur Bücher, sondern auch gute Ideen gerne mit anderen teilen. Wir würden es sehr begrüßen, wenn dieser Bereich weiter gepflegt würde und von den Bibliotheken weiter genutzt werden könnte.

 

Nach den Sommerferien 2016 kommt Lesestart in alle Grundschulen (ebenso Förder-Grundschulen, Grundschulen in privater Trägerschaft und Grundschulen im Bund der Freien Waldorfschulen e. V.). Alle Erstklässlerinnen und Erstklässler werden dann ein Lesestart-Set erhalten. Sehen Sie hier auch Chancen, dass sich die Bibliotheken unterstützend einbringen?


Ich sehe hier tatsächlich sehr große Chancen, durch weitere Unterstützung auf dem Erreichten aufzubauen. Bibliotheken kooperieren lokal nicht nur eng mit den Kitas, sondern auch mit den (Grund-)Schulen, daher können hier unmittelbar Synergieeffekte genutzt werden. Da vielerorts Bibliotheken ihrerseits Angebote zur Einschulung machen – wie Bibliotheksleseausweise in der Schultüte, Besuche der Schulklassen in den Bibliotheken und Besuche von Bibliotheksmitarbeitenden in der Schule oder bei Elternabenden etc. – gibt es hier zahlreiche Möglichkeiten der weiteren Zusammenarbeit. Erste Ideen, wie das konkret aussehen kann, wurden ja bereits auf einem Treffen der Länderkoordinatoren für Lesestart besprochen. Neben den Schulen, die das Lesenlernen und das Interesse am Selberlesen vermitteln, können auch die Bibliotheken die weitere Freude am Lesen unterstützen und in den Familien verankern.
Gerade im digitalen Zeitalter ist und bleibt das Lesen die grundlegende Schlüsselfertigkeit, ohne die eine kompetente Nutzung anderer Medien gar nicht möglich ist. Wir wissen aus der letzten PISA-Studie, dass neben 7,5 Millionen funktionalen Analphabeten, auch 14,5 Prozent der 15-Jährigen in Deutschland Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben haben, ähnlich stellt sich die Situation für die Grundschüler der vierten Klasse dar. Unter den Kindern und Jugendlichen wachsen somit kontinuierlich neue Generationen potenzieller funktionaler Analphabeten heran. Dieser Herausforderung können wir nur begegnen, wenn Leseförderung systematisch und kontinuierlich in Schulen, Elternhäusern und in außerschulischen Einrichtungen wie Bibliotheken stattfindet.
Eine besondere Bedeutung kommt dabei der frühen Lesesozialisation zu. Das Programm Lesestart setzt als präventive Maßnahme genau dort an. Deutschland hat leider immer noch das Problem, dass die Bildung sehr stark von der Herkunft abhängt. Mit dem praxiserprobten Lesestart-Angebot haben wir die einmalige Chance, dass sich dies von Grund auf nachhaltig verändern lässt.


Interview-Archiv

Hier finden Sie alle Interviews der Vergangenheit als PDF zum Download.

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